Q&A mit Alois Lang, dem Produzenten der ersten Süßkartoffel Österreichs (APA, 2013)

Q: Bataten aus den Alpen? Gibt’s das? Darf man das?
A: Nun, der Seewinkel ist nicht sehr alpin… aber doch ziemlich weit nördlich gelegen für eine (sub)tropische Pflanze, in der Tat. Dürfen? Hoffentlich.

Q: Aber gleich Jumbo-Bataten? Nahe dem 48sten Breitegrad? Wie geht das?
A: Wir haben sie offensichtlich ein bißchen zu verwöhnt dieses Jahr. Größen von einem Kilogramm und mehr erreichen nicht alle Stücke, und nur bestimmte Sorten. Solche Kaliber sind für unsere Breiten tatsächlich sehr außergewöhnlich. Auch die Amerikaner waren beeindruckt.

Q: Darunter eine einzelne Süßkartoffel mit 3.4 kg, tatsächlich? Rekord?
A: International keineswegs ein Rekord. Die Süßkartoffel ist ja schließlich eigentlich eine (subtropische) mehrjährige Pflanze, die nur in unserer Klimazone mit der kalten Jahreszeit das Wachstum einstellt und schließlich abstirbt. Aber für unseren Breiten, am nordöstlichen Alpenrand sind 3.4 kg auf jeden Fall sehr beachtlich; sehr wahrscheinlich sogar tatsächlich das stattlichste Stück Süßkartoffel aus natürlichem Freilandanbau jenseits der Alpen, je.

Q: Stichwort „natürlich“: Der Anbau erfolgte ohne Gift?
A: Ohne Gifte, ohne „-zide“ jeglicher Art: ohne Pestizide, ohne Fungizide, ohne Herbizide. Die Bataten sind auch sonst vollkommen unbehandelt; vor wie nach der Ernte.

Q: Das funktioniert? Bzw. wie wirkt sich das aus?
A: Nun die Bataten sind vor allem einfach… „natürlicher“. Die Knollen – eigentlich: Wurzeln, das darf man nie vergessen – wachsen eher unregelmäßiger in Form, Größe, etc., was auch viel mit dem Klima zu tun hat. Unsere Felder liegen außerdem mitten im Nationalpark-Naturschutzgebiet, umgeben von unberührten Wiesen – die voller Insekten sind, die diese Wurzel ebenfalls lieben, und dies bevorzugt mit einem Biß in die heranwachsenden Knollen dokumentieren… die sich später oft zu dunklen Pünktchen und dgl. mehr auswachsen. Sie sind also einfach „Naturiger“. Wie unmanipulierte Natur sie eben wachsen läßt. Ob es funktioniert? Mit sehr viel Aufwand… und ein wenig Nachsicht mit Mutter Natur…Auch haben wir das Glück nicht in den Tropen zu sein, viele der sonst üblichen Krankheiten existieren hier -noch- nicht.

Q: Also keine „Disney-Knollen“ aus dem Burgenland?
A: Ganz und gar nicht. Unsere Bataten sind natürlich und österreichisch.

Q: Der Neuankömmling Süßkartoffel, weltweit ja eine der bedeutendsten Kulturpflanzen überhaupt, fühlt sich also schon heimisch hier, oder doch noch nicht so ganz?
A: Die Süßkartoffel kommt ursprünglich aus dem heutigen Mexiko. Sie fühlt sich – teilweise – doch recht prächtig hier im Burgenland, siehe die diesjährige Ernte. Gewisse Typen jedenfalls.

Q: Nicht alle?
A: Nein, bei weitem nicht alle Sorten. Welche genau, sind wir gerade dabei herauszufinden. Mit jedem Jahr wissen wir mehr.

Q: Und wie steht es um die heurige Ernte? Wie sieht sie aus.
A: Bunt. Wir haben 2013 mehrere, sehr unterschiedliche Versuchssorten, auch von den international dominierenden cremig-weiß-fleischigen Typen.

Q: Keine orange fleischigen?
A: Die auch. Aber orange-fleischige Bataten kennt man hierzulande ja schon, v.a. aus US-Importen.Wir haben aber dieses Jahr etwa auch eine südamerikanische, oder eine asiatische Sorte, letztere violett-häutig/creme-fleischig.

Q: Violett-häutig/creme-fleischige Süßkartoffel? So etwas gibt es?
A: Und ob. In der Tat sind 99 von 100 der weltweit konsumierten Süßkartoffeln eher creme-fleischig; orange-farbige Sorten spielen so gut wie keine Rolle.

Q: Daher also das Motto „Aus der Großen Weiten Bunten Batatenwelt“?
A: Ganz genau. Wir wollen den ungeheuren Formenreichtum dieser spektakulären Wurzelfrucht aufzeigen, soweit uns möglich. Creme-fleischige Knollen sind außerdem weit vielfältiger einsetzbar, schon weil sie etwas fester-kochend sind; im übrigen auch meist weniger süß.

Q: Und sonst, geschmacklich?
A: Sublim. Ganz und gar nicht wie Kürbis/Karotte (wie bei orangen Sorten), sondern stark in Richtung Edelkastanie; auch cremiger.

Q: Aber in der äußeren Form jedenfalls, im Aussehen, doch ein wenig… grimmig, mitunter?
A: Ah so? Wie war das noch mal mit „wahrer Schönheit“? Nennen wir es „mit Charakter“. Liegt außerdem im Auge des Betrachters. Manche sagen auch hochattraktiv, von geradezu auratischer Schönheit…

Q: Nun jedenfalls nicht „Disney“… Eine Süßkartoffel mit Aura also, mit Ausstrahlung?
A: Warum nicht? Subjektiv, Empfindungssache. Aber Vieles speziell in der japanischen Ästhetik hat ja bekannter weise tatsächlich etwas ausgeprägt „Auratisches“ an sich…

Q: Die Bataten kommen aus der Lagerhaltung?
A: Nein, sie kommen direkt vom Feld, innerhalb einer Woche, oft auch schon innerhalb 48 Stunden. Als Frischgemüse.

Q: Daher auch mit minimalem ökologischem Fußabdruck?
A: Das auch.

Q: Bataten als Frischgemüse, ähnlich einer Frühkartoffel? Gab es das schon mal am österreichischen Gemüsemarkt?
A: Wäre verwunderlich. Unsere Bataten sind jedenfalls feldfrisch. Und unbehandelt.

Q: Importware aus Übersee ist wohl meist Lagerware? Mit langen Transportwegen, daher behandelt, etc. etc.?
A: Das könnte so sein.

Q: Schälen oder nicht schälen?
A: Niemals schälen! Sofern die Batate unbehandelt ist. In, bzw. gleich unter der Schale liegen genau jene Krebsfighter, bioaktiven Wirkstoffe, etc. etc. etc., die ihre Reputation erst begründen.

Q: Gekocht oder roh?
A: Beides! Und nein, die Gefahr einer Oxalat-Vergiftung stellt sich beim Konsum der Süßkartoffel, sofern in halbwegs „normalen“ Mengengrößen,nicht. Sie liegt jedenfalls zT weit unter der „Gefahr“ bei Lebensmitteln wie Spinat, Rote Rübe, Rhabarber, etc. Das heißt nicht, daß es nicht Fälle von besonderer Empfindlichkeit geben kann…

Q: Apropos Guter Ruf: Stichwort „Superfood“ – Reizwort oder legitimes Attribut für Bataten?
A: Komplexe Frage, kurze Antwort: legit.

Q: Ok… warum?
A: Darum! Also gut… Es stimmt schon, daß auch andere Nahrungsmittel sich mit diesem „Titel“ mit gewissem Recht schmücken könnten… unsere heimischen Beeren etwa, wie so oft als Beispiel angeführt. Nur machen Beeren – ohne nennenswerten Anteil von Makronutrienten – nun mal keine Hauptspeise, egal wie viele man davon ißt. Während die Süßkartoffel, im Unterschied zu speziell Beeren, mit etwas Fett und ev. zusätzlichem Eiweiß genossen, für Veganer etwa sehr wohl eine Hauptspeise sein kann und auch für Abermillionen rund um den Globus tatsächlich ist; insbesondere wenn man das Ernährungsprofil der Süßkartoffel-Blätter hinzu nimmt: ein in Asien hochgeschätztes Blattgemüse, „wertvoller“ als selbst Spinat, an die 15% hochwertige Eiweiße inklusive. Take that, Popeye! Ganz zu schweigen davon, daß es in einem Land, in dem die klassischen [Un-] „Zivilisationskrankheiten“ Diabetes und Bluthochdruck explodieren, und das seit Jahrzehnten, es doch möglich sein sollte, Gemüse hervorzuheben, wenn es – wiederum ziemlich einzigartig selbst – Wirkstoffe enthält, die eben diese beiden „Volkskrankheiten“ aktiv bekämpfen können. Vom Wert einer potentiellen veganen Alternative (als Hauptnahrungsmittel; mit Fett und Eiweiß genossen, wie erwähnt), in einer (westlichen) Welt im IndustrieFleischRauschWahn ganz abgesehen…….. Das war die Kurzfassung. Also noch einmal: „komplex“, und „ja!“.

Q: Das kommt davon, wenn man nachfragt.
A: Jep.

Q: Wie sieht´s mit Mengen aus? Wieviel gibt es davon?
A: Sehr beschränkte Mengen.

Q: Wieso? Die Süßkartoffel ist doch bei uns zur Zeit geradezu Kult, scheint’s. Jedenfalls bei Fernsehköchen, in den Medien, etc. Warum nicht einfach mehr davon anbauen?

A: Nicht so einfach. Es gibt in Europa kein professionelles Saatgut dafür; inklusive der Sorten, die bei uns eine gute Chance haben zu gedeihen. Der Ertrag pro Pflanze ist außerdem nicht wirklich prognostizierbar. Die Knollenbildung findet erst ganz zum Schluß statt, man sieht das Ergebnis gewissermaßen erst beim Ernten. Oberirdischer Blattwuchs ist kein geeigneter Indikator dafür, ob sich überhaupt auch (unterirdische) Knollen letztendlich bilden (werden)…

Q: Also ist Saatgut nicht das einzige ungelöste Problem der Batate hierzulande?
A: Nicht nur, aber ein zentrales. Aber da wird Österreich nicht viel beitragen können. Dafür haben wir das Klima nicht.

Q: Was steht sonst der endgültigen Domestikation entgegen? Wird die Batate je so „burgenländisch“ wie Paradeiser und Paprika, bzw. die (Solanum) Kartoffel?
A: Nun bei der Solanum-Kartoffel hat es an die 200 Jahre gedauert…

Q: Nur. Aber alle potentiellen Probleme, Gefahren sind gelöst?
A: Weit entfernt. Im Gegenteil. Es gibt keine relevante Literatur, keine Richtwerte, keine Statistiken, keine lokalen Experten, kein „Drehbuch“ zum Thema „Cold Climate Sweetpotato Growing“, jedenfalls nicht für Österreich. Und es ist erstaunlich, als wie irrelevant, weil offensichtlich nur lokal gültig, sich schon so manche vermeintliche Fixe Weisheit der Batatenkultivation herausgestellt hat… Eine wirklich effiziente Freiland-„Kommerzialisierung“ inkl. Rentabilisierung und Verstetigung des Anbaus, die einen größer-flächigen Anbau erst ermöglichen und rechtfertigen, ist wohl noch Jahre entfernt.

Q: Und nicht wirklich was für schwache Nerven?
A: Vorsichtig ausgedrückt.

Q: Und nächstes Jahr?
A: Mal sehen.